Für die Europäische Zentralbank (EZB) wird die Natur zum Wirtschaftsfaktor. Dürren, Hochwasser und verschmutztes Wasser gefährdeten Produktion, Lieferketten und am Ende auch Banken, warnte EZB-Direktor Frank Elderson am Montag auf der UN-Biodiversitätskonferenz COP17 in Eriwan. Steigende Lebensmittelpreise nach Hitzewellen und Dürren stuft die Notenbank als Risiko für die Preisstabilität ein.
EZB-Direktor Elderson: Dürre gefährdet bis zu 24 Prozent der Wirtschaft

Das Wichtigste auf einen Blick
- EZB-Direktor Frank Elderson hat auf der UN-Biodiversitätskonferenz COP17 in Eriwan vor den wirtschaftlichen Folgen von Dürren, Hochwasser und Umweltschäden gewarnt.
- Eine Dürre, wie sie statistisch einmal in 100 Jahren vorkommt, könnte laut einer Studie mit EZB-Beteiligung bis zu 24 Prozent der Wirtschaftsleistung im Euroraum gefährden.
- Höhere Lebensmittelpreise nach Hitze und Dürre sieht die EZB als Aufwärtsrisiko für die Inflation; am Donnerstag entscheidet der EZB-Rat über die Leitzinsen.
Rhein auf Rekordtief
Wie teuer Wassermangel werden kann, zeigte Elderson am Beispiel Deutschlands. Der Rhein führte im Sommer so wenig Wasser wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen 1880, heißt es in seiner Rede. Das habe Transporte und Industrieproduktion gestört und könne die Erholung der deutschen Wirtschaft im dritten Quartal um bis zu 0,2 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts dämpfen. Auch Loire, Po und Donau hätten außergewöhnlich niedrige Pegel erreicht, mehrere Atomkraftwerke hätten deshalb abgeschaltet werden müssen.
Eine extreme Dürre hätte noch größere Folgen. Ein Ereignis, wie es statistisch einmal in 100 Jahren vorkommt, könnte bis zu 24 Prozent der Wirtschaftsleistung im Euroraum gefährden. Das ergab eine Untersuchung, an der neben der EZB die London School of Economics und die Universität Oxford beteiligt waren. Knapp 12 Prozent der Wirtschaftsleistung sind laut Elderson zudem durch unzureichenden Hochwasserschutz bedroht.
Deutsche Banken hängen am Wasser
Nach Analysen der EZB hängen 72 Prozent der Unternehmen im Euroraum von mindestens einer Leistung der Natur ab, etwa von sauberem Wasser oder fruchtbaren Böden. Drei Viertel der Unternehmenskredite fließen an Firmen, die stark darauf angewiesen sind. Für Deutschland kam eine Studie der Bundesbank Ende August zu dem Ergebnis, dass Banken vor allem von Leistungen abhängen, die mit Wasser zusammenhängen. Indirekte Abhängigkeiten über die Lieferketten ihrer Kunden wiegen dabei oft schwerer als direkte, regional ausgerichtete Banken sind stärker betroffen als andere.
Die Bankenaufsicht der EZB erwartet deshalb, dass Banken neben Klima- auch Naturrisiken erkennen und steuern. Mehr als 90 Prozent der beaufsichtigten Banken sehen sich solchen Risiken nach eigener Einschätzung wesentlich ausgesetzt. Beim Umgang mit Naturrisiken seien sie aber deutlich weniger weit als beim Klima, sagte Elderson. Zwei Drittel der Banken verknüpften ihre Bewertung dieser Risiken nicht systematisch mit Gegenmaßnahmen.
Stromausfall legt Google Cloud lahm
Wie schnell eine physische Störung digitale Finanzdienste treffen kann, zeigte sich am 20. Oktober in London. Ein Ausfall im Stromnetz legte dort ein Rechenzentrum von Google Cloud lahm, weil die Notstromaggregate wegen eines Fehlers in der Steuerung nicht ansprangen, wie Google in einem vorläufigen Bericht schreibt. Mehrere Cloud-Dienste in der Region London waren gut sechs Stunden gestört. Hinweise auf einen Cyberangriff enthält der Bericht nicht.
Betroffen waren unter anderem Millionen Kunden von Revolut, die zeitweise weder mit Karte zahlen noch Geld überweisen konnten, berichtete die Irish Times. Google Cloud stellt die Kerninfrastruktur der Digitalbank. Kundengelder und Daten seien sicher, erklärte Revolut. Das Unternehmen bietet in der EU auch Kryptodienste an, über eine Tochter mit MiCA-Lizenz aus Zypern.
Diese Abhängigkeit hat die EZB-Bankenaufsicht, in deren Aufsichtsgremium Elderson stellvertretender Vorsitzender ist, schon länger im Blick. Banken seien in hohem Maße von wenigen Drittanbietern abhängig, die großteils außerhalb der EU sitzen, heißt es in ihren Aufsichtsprioritäten für 2026 bis 2028. Das mache sie gerade angesichts geopolitischer Spannungen anfälliger. Google Cloud zählt zudem zu den Dienstleistern, die die drei europäischen Finanzaufsichtsbehörden im November 2025 nach den EU-Regeln für die digitale Betriebsstabilität im Finanzsektor (DORA) als kritisch eingestuft haben. Die Regeln gelten auch für Kryptodienstleister mit MiCA-Lizenz.
Mehr Kapital für den Naturschutz
Elderson rief Regierungen, Finanzinstitute und internationale Organisationen auf, deutlich mehr öffentliches und privates Geld in den Schutz und die Wiederherstellung der Natur zu lenken. Nach Schätzungen des UN-Umweltprogramms, die er in seiner Rede anführt, müssten die jährlichen Investitionen in naturbasierte Lösungen bis 2030 auf 571 Milliarden Dollar steigen. 2023 waren es rund 220 Milliarden Dollar.
Inflationsrisiko vor dem Zinsentscheid
Für die Geldpolitik zählt vor allem der Blick auf die Preise. Naturrisiken seien deshalb in den vergangenen Quartalen ausdrücklich in die geldpolitische Bewertung der EZB eingeflossen, sagte Elderson. Zu Umweltpolitikern würden Notenbanker damit nicht. Die Natur werde nur Teil ihrer Arbeit, weil die Folgen ihrer Zerstörung das Mandat der EZB berührten.
Am Donnerstag entscheidet der EZB-Rat in Frankfurt über die Leitzinsen. Verbraucher im Euroraum rechneten zuletzt mit 3,1 Prozent Inflation in den kommenden zwölf Monaten, wie eine Umfrage der EZB zeigte. Bitcoin (BTC) notierte am Montagmorgen bei rund 71.400 Euro. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet in seinem Weltwirtschaftsausblick mit weiteren Zinserhöhungen im Euroraum, was zinslose Anlagen wie Gold und Bitcoin laut einer Analyse weniger attraktiv macht.















