Bei der Infrastruktur für tokenisierte Finanzmärkte liegt Deutschland vor der Schweiz. Das zeigt die erste globale Benchmark-Studie der Swiss Blockchain Federation (SBF), die am 3. November in Zürich vorgestellt wurde. Die Schweiz kommt unter 15 Finanzplätzen auf Rang 6, der Verband spricht von einem Weckruf.
Swiss Blockchain Federation: Schweiz auf Rang 6, Deutschland liegt vorn

Das Wichtigste auf einen Blick
- In der ersten globalen Benchmark-Studie der Swiss Blockchain Federation landet die Schweiz auf Rang 6 von 15 Standorten, Deutschland liegt auf Platz 4.
- Stark ist die Schweiz laut Studie bei Rechtssicherheit und digitaler Marktinfrastruktur, Rückstand hat sie beim Tempo, bei der Vernetzung und bei der Skalierung.
- Der Verband fordert schnellere Lizenzverfahren der Finma und einen praxistauglichen Rahmen für Franken-Stablecoins, die Gesetzesrevision komme zu langsam voran.
Deutschland auf Platz 4, die USA vorn
Die Studie mit dem Titel „Infrastructure first“ vergleicht 15 Finanz- und DLT-Standorte in elf Dimensionen. Vor der Schweiz liegen laut Medienmitteilung der SBF die USA, Singapur, das Vereinigte Königreich, Deutschland und Japan. Luxemburg folgt unmittelbar dahinter. Gefragt wird, wo die regulierte Finanzmarktinfrastruktur der nächsten Generation entsteht, über die Wertpapiere, Anleihen, Fonds und Zahlungsmittel als Token übertragen werden.
Bitcoin und andere Kryptowährungen stehen damit nicht im Mittelpunkt. Wie gut sich ein Land für Anleger eignet, die Coins kaufen oder selbst verwahren, misst der Vergleich nach der Beschreibung der SBF nicht. Bei der privaten Nutzung liegt die Schweiz dagegen klar vor Deutschland: Laut einer Studie von Bearingpoint verwenden 23 Prozent der erwachsenen Schweizer zumindest gelegentlich Kryptowährungen, in Deutschland 11 Prozent. Erstellt hat der Verband die Studie mit Unterstützung der Zuger Kryptobank Amina und der Wirtschaftskanzlei MME. Der Bericht ist auf Englisch erschienen und kostet 90 Franken (rund 98 Euro), dieser Artikel stützt sich auf die Medienmitteilung.
Starkes Fundament, zu wenig Tempo
Als Stärken der Schweiz nennt die SBF den frühen Rechtsrahmen für die Distributed-Ledger-Technologie (DLT), rechtliche Klarheit, eine regulierte digitale Marktinfrastruktur, spezialisierte Banken und Verwahrer sowie Forschung und ein breites Ökosystem. Der Vorsprung schmelze aber, andere Finanzplätze setzten die Schweizer Stärken inzwischen schneller in Lösungen für den Markt um.
Den größten Aufholbedarf sieht die Studie in drei Bereichen. Erstens fehle es am Umsetzungstempo. Die Revision des Finanzinstitutsgesetzes, fehlende Regeln für Stablecoins in Franken und wenig berechenbare Verfahren der Finanzmarktaufsicht Finma bremsten neue Geschäftsmodelle. Zweitens mangle es an Markttiefe, Liquidität und internationaler Anbindung, denn der Heimmarkt sei strukturell klein. Drittens setze die Schweiz ihre Stärke in Forschung und Ausbildung zu selten in Anwendungen um, die künstliche Intelligenz und Blockchain verbinden.
SBF-Präsident Heinz Tännler mahnt, der Wettbewerb um die Infrastruktur der Zukunft beginne „nicht irgendwann – er läuft bereits“. Er fügte hinzu:
„Die Schweiz hat ein starkes Fundament. Aber wir dürfen nicht annehmen, dass rechtliche Qualität und Vertrauen allein ausreichen.“
Fünf Forderungen an Politik und Aufsicht
Daraus leitet die SBF fünf Forderungen ab. Von der Finma verlangt der Verband, Innovation wieder ausdrücklich als strategisches Ziel festzuschreiben, und Lizenzverfahren, die schneller ablaufen und besser vorhersehbar sind. Für Stablecoins in Franken verlangt der Verband einen Rahmen, der technologieneutral, verhältnismäßig und risikobasiert ist. Die Schweiz soll weitere Abkommen zum Marktzugang schließen, etwa das Abkommen mit dem Vereinigten Königreich für digitale Finanzdienstleistungen ausbauen. Damit mehr Liquidität entsteht, sollen Schweizer Marktteilnehmer über kompatible Schnittstellen an internationale Plattformen für Handel, Verwahrung und Abwicklung angebunden werden. Zudem sollen Forschung, Finanzbranche und Infrastrukturbetreiber Anwendungen für Compliance, Cyberresilienz und programmierbare Abwicklung gemeinsam zur Marktreife bringen.
Eine schwächere Aufsicht strebe man nicht an, betont die SBF. New York, London oder Singapur nachzuahmen, empfiehlt die Studie ebenfalls nicht. Die Schweiz solle sich stattdessen als neutraler und international vernetzter Standort für institutionelle digitale Vermögenswerte aufstellen, von tokenisierten Anleihen und Fonds bis zur grenzüberschreitenden Abwicklung.
Die SBF beschreibt sich selbst als Public-Private-Initiative, die die Attraktivität der Schweiz als Blockchain-Standort stärken will. Auch Amina-Chef Franz Bergmüller, dessen Bank die Studie unterstützt hat, drängt auf mehr Tempo:
„Um jedoch an der Spitze zu bleiben, müssen wir mit dem Tempo Schritt halten, das wir in anderen Jurisdiktionen wie Hongkong, der EU, den Vereinigten Arabischen Emiraten und den USA beobachten.“
Das Gesetz für Krypto-Institute steht noch aus
Die Kritik am Tempo zielt auf ein laufendes Gesetzgebungsverfahren. Am 22. Oktober 2025 schlug der Bundesrat neue Regeln für Stablecoins und Kryptowerte vor, mit zwei neuen Bewilligungskategorien für Zahlungsmittelinstitute und Krypto-Institute. Die Vernehmlassung lief bis zum 6. Februar 2026. Dem Parlament will der Bundesrat laut dem Staatssekretariat für internationale Finanzfragen frühestens im zweiten Halbjahr 2026 eine Botschaft vorlegen.
Ähnlich kritisch hatte sich zuletzt die Branche selbst geäußert. Andrej Majcen, Chef von Bitcoin Suisse, hält die Schweiz nicht mehr für einen führenden Kryptostandort. Kunden in der EU bedient das Zuger Unternehmen über eine Tochter in Liechtenstein, die eine Zulassung nach der europäischen MiCA-Verordnung hat.
Was für Deutschland spricht
Warum Deutschland vor der Schweiz liegt, schlüsselt die Medienmitteilung nicht auf. Bei der regulierten Blockchain-Infrastruktur kann Deutschland aber auf Zahlen der Bafin verweisen. Im Dezember 2024 erteilte sie nach eigenen Angaben erstmals die EU-weite Genehmigung für ein Handels- und Abwicklungssystem auf Basis der Distributed-Ledger-Technologie. Grundlage ist die EU-Verordnung zum DLT-Pilotregime. Ende 2025 beaufsichtigte die Bafin zwei von insgesamt sechs Betreibern solcher Marktinfrastrukturen in der EU.
Über den Autor
GESCHRIEBEN VONKonstantin Kaiser
Konstantin Kaiser ist News- und Lokalisierungsmanager für Deutschland bei Bitcoin.com News sowie Finanzmarktanalyst.
















