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Anthropic-IPO: Angebot in Teilen Europas, Milliardenverlust im Halbjahr

Anthropic will seine Aktien nicht nur in den USA verkaufen. Laut dem Börsenprospekt, den das KI-Unternehmen am Montag bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht hat, ist auch ein öffentliches Angebot für Privatanleger in einzelnen Staaten des Europäischen Wirtschaftsraums und in der Schweiz geplant. Welche EWR-Staaten das sind, nennt das Dokument nicht. Im Prospektregister der EU ist der dafür nötige europäische Prospekt bislang nicht verzeichnet. Der Prospekt zeigt zugleich, wie stark das Wachstum des Claude-Entwicklers von Rechenleistung abhängt und welche Risiken das Unternehmen selbst nennt.

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Anthropic-IPO: Angebot in Teilen Europas, Milliardenverlust im Halbjahr

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Anthropic will an die Nasdaq; laut vorläufigem Prospekt sind auch Angebote für Privatanleger in nicht genannten EWR-Staaten und in der Schweiz geplant.
  • Im ersten Halbjahr stieg der Umsatz auf 16,3 Milliarden Dollar (rund 14,6 Milliarden Euro); der hohe Nettoverlust geht vor allem auf Bewertungseffekte bei Finanzierungsinstrumenten zurück.
  • Für Rechenleistung hat sich Anthropic zu Zahlungen in dreistelliger Milliardenhöhe verpflichtet; auf Hyperliquid und bei OKX wird die Bewertung schon vorab gehandelt.

Angebot auch in Teilen Europas geplant

Gehandelt werden sollen die Aktien an der Nasdaq unter dem Kürzel ANT, wie aus dem vorläufigen Prospekt hervorgeht. Neben dem Angebot in den USA nennt das Dokument öffentliche Angebote in Australien, Kanada, Japan, Großbritannien, der Schweiz und in bestimmten, nicht namentlich genannten Mitgliedstaaten des Europäischen Wirtschaftsraums. Dort will Anthropic eine bestimmte Zahl von Aktien auch Privatanlegern anbieten, auf Grundlage eines gesonderten Prospekts nach der EU-Prospektverordnung. Dessen Billigung durch die Aufsicht eines dieser Staaten wird laut dem Dokument erwartet.

Im Abschnitt zur Schweiz bezeichnet der US-Prospekt den europäischen Prospekt dagegen als von der Bafin gebilligt. Auf dieser Grundlage soll das Angebot auch in der Schweiz öffentlich sein. Ob die Bafin einen solchen Prospekt tatsächlich gebilligt hat, ist offen. Im öffentlichen Prospektregister der EU-Wertpapieraufsicht Esma, das die Billigungen der nationalen Aufsichtsbehörden sammelt, ist bislang kein Prospekt von Anthropic verzeichnet. Die jüngsten Einträge der Bafin dort stammen vom 28. Oktober. Auf Anfrage der Wirtschaftswoche kommentierte die Behörde die Angabe im US-Prospekt nicht.

Welche Länder das Angebot umfasst und ob etwa Privatanleger in Deutschland oder Österreich zeichnen können, wird sich erst aus dem europäischen Prospekt ergeben. Zudem behält sich Anthropic vor, Angebote in einzelnen Ländern vor Abschluss zu beenden, die Aktien würden dann anderen Märkten zugeteilt. Der US-Prospekt selbst ist ausdrücklich kein Kaufangebot. An einer Börse in Europa oder der Schweiz will Anthropic die Aktien nicht notieren, Preisspanne und Zahl der Aktien sind noch offen. Die Wirtschaftswoche hält einen Börsengang schon in der zweiten Novemberhälfte für möglich.

Umsatz vervielfacht, Verlust vor allem aus Bewertungseffekten

Im ersten Halbjahr 2026 setzte Anthropic 16,3 Milliarden Dollar (rund 14,6 Milliarden Euro) um, nach 1,2 Milliarden Dollar (rund 1 Milliarde Euro) ein Jahr zuvor. Der Nettoverlust lag bei 80,7 Milliarden Dollar (rund 72,3 Milliarden Euro). Davon entfallen 72,4 Milliarden Dollar (rund 64,8 Milliarden Euro) auf Wertänderungen von Wandelanleihen, Derivaten und ähnlichen Finanzierungsinstrumenten. Der operative Verlust betrug dagegen nur 693 Millionen Dollar (rund 621 Millionen Euro).

Der größte Kostenblock ist die Rechenleistung. Für Rechenzentren und Infrastruktur gab Anthropic im Halbjahr 8,9 Milliarden Dollar (rund 8 Milliarden Euro) aus, gut die Hälfte des Umsatzes. Darin sieht das Finanzportal 24/7 Wall St. das eigentliche Problem: Das Wachstum finanziere sich noch nicht selbst, sondern hänge an frischem Kapital. Bis Ende Juni hatte Anthropic insgesamt 141,1 Milliarden Dollar (rund 126,4 Milliarden Euro) eingesammelt und verfügte über 112,4 Milliarden Dollar (rund 100,7 Milliarden Euro) an Zahlungsmitteln und Zahlungsmitteläquivalenten. Hinzu kamen kurzfristige Anlagen von 19,3 Milliarden Dollar (rund 17,3 Milliarden Euro), zusammen also rund 131,7 Milliarden Dollar (rund 118 Milliarden Euro). Dividenden plant das Unternehmen auf absehbare Zeit nicht.

Milliardenzusagen an Google, Amazon und Spacex

Wie groß die Verpflichtungen sind, zeigt der Abschnitt zu den Verträgen über Rechenleistung, den das Anlegermagazin Motley Fool Partner für Partner aufgeschlüsselt hat. Bei Google muss Anthropic bis Juli 2033 mindestens 114,5 Milliarden Dollar (rund 102,6 Milliarden Euro) ausgeben, bei Amazon bis April 2036 mindestens 110 Milliarden Dollar (rund 98,5 Milliarden Euro), bei Microsoft zwischen November 2026 und Mai 2033 mindestens 44,9 Milliarden Dollar (rund 40,2 Milliarden Euro). Die Summen sind fällig, auch wenn Anthropic die Kapazität nicht nutzt.

Anders ist der Vertrag mit der KI-Tochter von Spacex aufgebaut. Er umfasst bis zu 120,5 Milliarden Dollar (rund 107,9 Milliarden Euro) bis 2029, nach den ersten Laufzeiten bis Januar und März 2027 können beide Seiten aber mit 90 Tagen Frist kündigen. Hinzu kommen Leasingverträge für Rechentechnik mit Broadcom über rund 161,2 Milliarden Dollar (rund 144,4 Milliarden Euro). Bei AMD nennt der Vertrag keine feste Summe, Anthropic rechnet mit mehr als 20 Milliarden Dollar (rund 17,9 Milliarden Euro).

Risiken von Taiwan bis Washington

Von „enormen“ Risiken in der Lieferkette ist in einer Gastanalyse bei Forbes die Rede. Anthropic muss Rechenleistung Monate oder Jahre im Voraus fest buchen, während ein großer Teil des Umsatzes nutzungsabhängig ist. Die modernsten Chips stammen laut Prospekt überwiegend von TSMC in Taiwan, Speicherchips vor allem von SK Hynix, Samsung und Micron.

Auch die Politik ist ein Risiko. Im Juni verhängte das US-Handelsministerium weltweite Exportbeschränkungen für die Modelle Fable 5 und Mythos 5, Anthropic schaltete sie bis zur Aufhebung für alle Kunden ab. Bereits im Februar hatte das US-Verteidigungsministerium das Unternehmen als Risiko für die Lieferkette eingestuft, nachdem Anthropic den Einsatz seiner Modelle für Massenüberwachung im Inland und vollautonome Waffen abgelehnt hatte. Für Europa nennt der Prospekt die Pflichten aus der KI-Verordnung der EU, darunter Meldungen schwerer Vorfälle an das KI-Büro der EU-Kommission.

Börsenneulinge enttäuschen oft

Zur Vorsicht rät ein Autor des Motley Fool, der Anthropic-Aktien erst nach mindestens sechs Monaten Börsenhandel kaufen will, wie er bei Yahoo Finance schreibt. Er verweist auf eine Studie der Investmentfirma Edward Jones. Danach stiegen Technologiewerte, die zwischen 1980 und 2015 an die Börse gingen, am ersten Tag im Schnitt um 35,2 Prozent, verloren in den sechs Monaten danach aber im Schnitt 14 Prozent. Als Beispiel nennt er Spacex: Die Aktie wurde am 12. Juni zum ersten Mal für 150 Dollar (rund 134 Euro) gehandelt, stieg in den Tagen danach über 225 Dollar (rund 202 Euro) und fiel bis Ende Juli auf rund 108 Dollar (rund 97 Euro).

Krypto-Händler wetten schon

Gewettet wird auf die Bewertung schon jetzt, allerdings ohne Aktien. Auf der Kryptobörse Hyperliquid steht der Kurs eines Anthropic-Derivats für eine Bewertung von rund 1,81 Billionen Dollar (rund 1,62 Billionen Euro), wie die Kursdaten des Markts zeigen. Der Hebel reicht dort bis zum 15-Fachen. Anfang Mai hatte Anthropic noch eine Bewertung von rund 1 Billion Dollar (rund 896 Milliarden Euro) angestrebt, in der Finanzierungsrunde Ende Mai wurden es 965 Milliarden Dollar (rund 864 Milliarden Euro). Das Derivat liegt also fast beim Doppelten.

In Europa bietet die Kryptobörse OKX seit dem 10. September eigene Pre-IPO-Kontrakte auf Anthropic und Openai an, mit bis zu zehnfachem Hebel, wie OKX-Europa-Chef Erald Ghoos schrieb. In der EU tritt die Börse über eine Gesellschaft auf Malta mit MiCA-Zulassung auf. Stimmrechte oder einen Anteil an Anthropic verschaffen solche Kontrakte nicht, anders als die Aktien aus dem geplanten Angebot.

Über den Autor

GESCHRIEBEN VONKonstantin Kaiser

Konstantin Kaiser ist News- und Lokalisierungsmanager für Deutschland bei Bitcoin.com News sowie Finanzmarktanalyst.